Das Asperger-Syndrom, Bernd Martin Rohde und das Bibliothekswesen



Das Asperger-Syndrom (ICD-10 F84.5) ist eine Variante des Autismus.

Asperger-Autisten fallen im Alltag vorwiegend als merkwürdige, verschrobene und bisweilen exzentrische Mit-
menschen auf. Eine hohe bis sehr hohe Intelligenz erlaubt es ihnen zudem, eine enorme Anpassungsleistung
zu erreichen, eine Angleichung ihres Verhaltens so weit wie möglich an das von nichtautistischen Menschen.
Bei genauerer Beobachtung, aber auch einer Überanspruchung dieser Leistung, fallen die entsprechenden
autismustypischen Merkmale jedoch stärker auf.

Tendenziell geht man in der klinischen Diagnostik inzwischen dazu über, alle bisher unterschiedenen Varianten
des Autismus (Asperger-Syndrom, frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus) unter der einheitlichen Be-
zeichnung Autismus-Spektrum-Störung, kurz ASS, zu subsumieren, da die Gemeinsamkeiten überwiegen.
In der englischen Sprache lautet der Begriff Autism Spectrum Disorder (ASD), wobei vereinzelt Fachleute
die Formulierung Autism Spectrum Condition (ASC) bevorzugen, um dem Stigma zu begegnen, Autismus
wäre eine Krankheit. Autismus ist keine Krankheit, wird jedoch fälschlicherweise oft so gesehen. Einzelne
Merkmale des Autismus bzw. deren Zusammenspiel erfüllen jedoch die Kriterien einer Behinderung.

Bei Autismus liegt nach derzeitigen Forschungsstand eine genetische Ursache zu Grunde, diese fürt zu einer
markanten Abweichung von der neurolophysiologischen Grundstruktur der Majorität der Menschheit - dem
neurotypischen Menschen, kurz NT. Diese andersartige neurophysiologische Grundstruktur und was daraus
resultiert ist unabänderbar. Der Autimus ist untrennbar mit der Persönlichkeit eines autistischen Menschen
verbunden. Die Merkmale des Autismus bestimmen das Verhalten und Denken des autistischen Menschen
entscheidend mit. Die tatsächliche Ausprägung der Merkmale ist jedoch höchst individuell und somit vom
jeweiligen Charakter der Person abhängig. Autistische Menschen sind ebenso individuell, wie es nicht-
autistische Menschen auch sind. Die Merkmale des Autismus an sich sind keine individuellen Charakter-
merkmale, wobei sich jedoch beides gegenseitig beeinflusst.

Menschen mit dem Asperger-Syndrom gab es schon immer. Erst die Fortschritte in der Autismusforschung
und eine in der Folge verbesserte Diagnostik in der jüngeren Zeit ermöglichen es, Asperger-Autisten als
diese zu identifizieren. Davor ist die Gesellschaft zu den verschiedenen Epochen recht unterschiedlich mit
ihnen umgegangen, auch abhängig davon, welche Merkmale sich individuell wann und wie und gegenüber
wem zeigten.



Asperger-Syndrom und Bibliothekar? Das sind doch alle Nerds und in der IT-Branche!

Die IT-Branche ist vergleichweise jung, jedoch mit einem diversifizierten Tätigkeitsfeld, teilweise immer noch
im Aufbau befindlich und daher sehr innovativ. Gerade junge Menschen suchen und finden in diesem beruf-
lichen Umfeld eine Beschäftigung, unabhängig davon, ob sie autistisch sind. Und automatisch ist nicht jeder
IT-Nerd, nur weil er etwas sonderbar sein mag, gleich ein Autist. Da braucht es mehr.

Der Psychologe Simon Baron-Cohen, Leiter des Autism Research Centre an der University of Cambridge,
zeigt in einem Vortrag auf, wie sich die Besonderheiten des Autismus auf die Berufswahl auswirken können:



Die Tierwissenschaftlerin und Autistin Temple Grandin nimmt eine Einteilung der verschiedenen autistischen
Denktypen in drei Schwerpunktvarianten vor. Sie erwähnt diese drei Varianten auch in ihrem Vorwort zum
Buch "Asperger's on the job" von Rudy Simone:
From discussions with hundreds of individuals on the spectrum, I have learned that the areas of strenght
tend to fall into three basic types. They are: 1.) visual thinkers, 2.) pattern thinkers (music and math minds),
and 3.) word-detail thinkers. Visual thinkers are well suited for jobs such as graphic design, computer anima-
tion, architecture, working with animals, and industrial design. The pattern thinkers are often good at compu-
ter programming, mathematics, and statistics. The word-detail thinkers may excel at technical writing, journa-
lism, record-keeping jobs, and spezialized sales jobs.

Das weitverbreitete Klischee des Zahlen-Menschen und guten Computer-Programmierers trifft also nur auf
einen Teil der Asperger-Autisten zu. Je nach Schwerpunkt ergeben sich so verschiedene Tätigkeitsbereiche:



Mit Menschen im Autismus-Spektrum als Bibliothekar muss mit hoher Wahrscheinlichkeit gerechnet werden!



Autismus als seelische / psychische Behinderung

Abgesehen von Komorbiditäten - bei mir sind das deutlich auffällige Tics (Zuckungen) - können Merkmale des
Autimus und haben diese auch behindernde Auswirkungen. Deswegen gelten die Varianten des Autismus wie
das Asperger-Syndrom formell als eine seelische (D, A) bzw. psychische (CH) Behinderung.

In Deutschland erhalten Asperger-Autisten auf Antrag einen Grad der Behinderung (GdB) je nach Schwere
der Beeinträchtigungen. In Verbindung mit einem Schwerbehindertenausweis (SBA) besteht so der Anspruch
auf Ausgleichsmassnahmen. Im Schulalltag existieren eine ganze Reihe von möglichen Nachteilsausgleichen
(siehe: "Formen des Nachteilsausgleiches bei Autismus-Spektrum-Störungen" bei der Niedersächsischen
Landesschulbehörde). In der Schweiz kann aus der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung je nach Schwere
ein Bezug von Leistungen aus der Invalidenversicherung (IV) resultieren. Werden die Merkmale einer ASS bei
einem Menschen vor dem 5. Lebensjahr auffällig, fällt es sogar unter die Geburtsgebrechen (Nr. 405 in der
Liste der Geburtsgebrechen vom Stand 1. März 2016).

Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen hält in Artikel 1 fest (Zitat nach der amtlichen gemein-
samen Übersetzung Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins in die deutsche Sprache):
Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder
Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen,
wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können.

Eine körperliche Behinderung kann man sich leicht vorstellen, wird doch Behinderung allgemein oft durch die
Figur des Rollstuhlfahrers symbolisiert. Bei einer geistigen Behinderung liegt üblicherweise eine Intelligenz-
minderung vor - kurz gesagt ein Intelligenzquotient (IQ) von unter 70. Was versteht man jedoch unter einer
seelischen / phsychischen Behinderung?

Im Prinzip funktioniert der Lesesaal wie ein Club, nur dass statt hämmernder Musik über allem eine eigen-
tümliche Ruhe liegt: Der erste Kontakt erfolgt durch stumme Blicke, das erste Gespräch beginnt in der
Cafeteria.
heisst es in "Flirtbörse Bibliothek: Der leiseste Club der Welt" bei Spiegel Online.
Es sind genau jene stummen Blicke, die ein autistischer Mensch nicht versteht. Die so von neurotypischen
Menschen ausgesendeten Signale kommen nicht an - genauer gesagt, sie werden zwar empfangen, die
Störung liegt in der Verarbeitung - und auch als Sender dieser non-verbalen Kommunikation zeigt sich der
Autist bestenfalls unbeholfen. Beim Gespräch in der Cafeteria wird ein Autist zudem als jemand auffallen, der
mit den non-verbalene Ebenen des Gesprochenen wenig bis gar nichts anfangen kann. Schlimmstenfalls fängt
er sogar an, über das, was ihn interessiert, zu Monologisieren und einen Gesprächspartner zu langweiligen.

Auisten besitzen nicht "keine Empathie", wie man es leider oftmals liest. Autisten haben Schwierigkeiten mit
der kognitiven Empathie. Diese Einschränkung wird in Bezug auf die Theory of Mind, kurz ToM, als
Mind-blindness bezeichnet. Jener Zero positive empathy steht die Zero negative empathy entgegen,
die verringerte affektive Empathie, wie sie bei Narzissten, Soziopathen, Psychopathen und Borderlinern vor-
kommt, also bei Persönlichkeitsstörungen im Cluster B. Tatsächlich sind Autisten sehr empathisch, sogar über-
empfindlich in dieser Hinsicht. Ihre eigentliche Hochsensibilität geht jedoch mit einer Störung der Verarbeitung
der kognitiven Empathie einher. Autismus hat von daher folgerichtig nichts mit einer Persönlichkeitsstörung
zu tun. Die Varianten des Autismus gelten als Tiefgreifende Entwicklungsstörung.

Die sensorischen Wahrnehmungen, aber auch das eigene Gefühlsleben sind im Vergleich zu einem neuro-
typischen Menschen erheblich verstärkt. Als bestmöglichen Versuch, sowohl die neurotypische als auch die
autistische Wahrnehmung im Vergleich darzustellen und so erfahrbar zu machen, erachte ich persönlich das
Youtube-Video "What it's like to walk down a street when you have autism or an ASD".

Diese fast ständig präsente hohe Anforderung, die damit einhergeht, dass man Reize quasi nicht filtern kann,
ist eine Belastung. Autisten haben zwar schon seit Beginn des eigenen Lebens lernen müssen, damit umzuge-
hen und unterstehen dem Zwang, so wie neurotypische Menschen auch den Alltag zu bewätigen. Was jedoch
nur mit einem vergleichsweise deutlichen höheren Energieaufwand möglich ist und seine Spuren hinterlässt.
Diese Spuren sind die Merkmale in der Reaktion mit der Umwelt, an denen Autisten bei sehr genauer Beob-
achtung erkennbar sind.

In seinem Blog "Quergedachtes" im Beitrag "Autismus und Behinderung oder Was ist eigentlich die Norm?",
hat sich Aleksander Knauerhase ausführlich mit der Thematik beschäftigt, was an Autismus behindernd ist.
Seinem Fazit stimme ich zu: Autismus verursacht Probleme die es wiederum einem Autisten schwer
machen in der „genormten“ Welt zu überstehen. Insofern ist Autismus schon ein behindernder Faktor.
Es ist aber auch die Umwelt die es jedem schwer macht der von der „Norm“ abweicht. Ich bin übrigens
kein Freund der These: „Es ist nur die Umwelt und das Umfeld die einen behindern!“ Ich denke das
schiebt eine vermeintliche Schuld nur ab und beachtet nicht, dass Autismus durchaus nicht eine Art zu
Leben ist die man frei wählen kann und aufgrund derer man diskriminiert oder behindert wird sondern
eben eine Behinderung.

Wie bei jeder Behinderung gibt es eben auch bei Autismus an sich behindernde Merkmale und es gibt zudem
äussere Faktoren, die dazu beitragen, dass man behindert wird.

Es gibt übrigens Asperger-Autisten, die sich nicht als behindert sehen wollen. Oder dies vielleicht auch nicht
können? Weil sie jung sind und noch nie einen Zusammenbruch erlebt haben, wie ihn z. B. Gerhard Gaudard
alias Riddler in seinem Blog "GedankenWelt eines Autisten" im Beitrag "Asperger und das Burn-out" be-
schreibt?



Wie zeigt sich Autismus / das Asperger-Syndrom?

Asperger-Autismus zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die entsprechenden Personen auf einem sehr
hohen Niveau gut angepasst funktionieren können - High Level Functioning oder verkürzt High Funtioning.
Jedoch ist dies abhängig von den äusseren Faktoren wie dem Umfeld und den Mitmenschen.

Den womöglich besten Überblick, wie sich der Asperger-Autismus bei Erwachsenen zeigen kann, bietet der
Australian Scale for Asperger Syndrome, Adult Version, mit 80 Fragen, unterteilt in die Bereiche: Social and
Emotional Abilities
- Communication Skills - Cognitive and Executive Function Skills - Somatic,
Motoric and Presentation Issues
- Other Characteristics.

Ein paar Merkmale sind folgende - nur kurz angerissen:


  • Ehrliche, direkte, mitunter verletzend wirkende Kommunikation

    Autisten treiben keine Spielchen mit ihren Mitmenschen und sind immer brutal ehrlich. Haben Sie auch
    gelernt zu lügen?
    Ich habe nicht gelernt zu lügen, sondern, wie sich Lügen vermeiden lassen. Wenn ich etwas Unange-
    nehmes wahrnehme, verschweige ich die Wahrheit – was mir alles andere als leichtfällt. Ich habe zwanzig
    Jahre gebraucht, um zu verinnerlichen, dass man über das Alter oder das Gewicht eines Menschen besser
    keine Bemerkungen macht. Warum das so ist, verstehe ich bis heute nicht recht.

    So in einem Interview mit der "NZZ" der französische Philosoph und Asperger-Autist Josef Schovanec.

    Das zeigt sich schon recht früh im Leben eines autistischen Menschen und fällt auch immer wieder auf.
    So wie es hier in meinem Grundschulzeugnis vermerkt ist:



    Dieses grundsätzlich positive Verhaltensmerkmal von Autisten hat jedoch auch eine Kehrseite. Darüber be-
    richtet die in Thun geborene Katrin Bentley, die mit einem australischen Asperger-Autisten verheiratet ist,
    im Juni 2015 als Gast im Schweizer Fernsehen in der Talkshow "Aeschbacher". Sie erzählt von Situationen
    im Zusammenhang mit Besuchen von Freunden bei ihr und ihrem Mann. Ihr Mann habe sich dabei unmöglich
    benommen und beispielsweise die Gäste darauf angesprochen, dass sie ab- und wieder zugenommen
    hätten. Oder gar Ich habe Ihre Frau letztens mit jemandem anderen gesehen. Die Erklärung dafür,
    nämlich der Zusammenhang mit dem Asperger-Syndrom, leitet der Talkmaster Kurt Aeschbacher wenig später
    ein mit: Irgendwann mal ist klar geworden, dass das Verhalten nicht böswillig ist, sondern einen anderen
    Hintergrund hat.


    Diese ehrliche, direkte Kommunikation, d.h. die deutlich verringert ausgeprägte Fähigkeit zu Lügen und ein-
    fach das zu sagen, was er denkt, ist eine der markantesten Merkmale von Autisten, die sich im Sozialverhalten
    zeigen. Dies kann ein Autist auch nicht irgendwie abstellen. Er kann den Umgang damit allenfalls minimal
    steuern (Schovanec: Was mir alles andere als leichtfällt), aber es wird sich immer und immer wieder zeigen.
    Auch und besonders in Konfliktsituationen, wo sich jene brutal ehrliche Direktheit nochmals verstärkt bemerk-
    bar machen kann.

    John Elder Robison schreibt dazu unter "Are Aspergians really rude and inconsiderate?" auf "Psychology today":
    One common characteristic of people with Asperger's is that we are more or less blind to the non verbal com-
    munications of others. As a result, we find ourselves forever saying and doing the wrong thing, with the best of
    intentions. We're described as arrogant, aloof, uncaring and inconsiderate. I contend that we are none of those
    things. I believe we are simply blind, emotionally.


    Ein autistischer Mensch, der sich dem noch nicht einmal bewusst ist, wann und warum er verletzend verstanden
    wird, kann dieses Verhalten nicht abändern, egal, wie sehr er sich dazu zwingen will. Es geht einfach nicht.
    I vowed not to make socially inappropriate comments, though I was still vague on what exactly that meant.
    This turned out to be an exhausting and ultimately futile undertaking.
    So schreibt Cynthia Kim auf ihrem Blog
    "Musings of an Aspie" im Beitrag "Acceptance as well being practice". Etwas bewusst beeinflussen zu wollen,
    das nicht intendiert und unbewusst geschieht, ist logischerweise zum Scheitern verurteilt. Es kann einfach nicht
    funktionieren und jenes Merkmal wird sich immer wieder zeigen, egal, wie vorsichtig man agiert.

    Absurd ist es letztendlich, einen Autisten dafür bestrafen zu wollen. Bestrafen wofür? Dass man sich angegriffen
    fühlt, obwohl es nicht in der Intention lag und unbewusst geschah? Dass dieser vermeintlich unverschämte
    Mensch durch die Bestrafung lernt und sein Verhalten ändert? Wie soll er das, wenn es unbewusst und nicht
    intendiert geschieht und es grundsätzlich nicht veränderbar ist? Es ist tatsächlich absurd, es entbehrt sogar dem
    gesunden Menschenverstand. Und es ist diskriminierend. Der amerikanische Psychiater Mark Goulston schreibt
    folgerichtig in seinem Buch "Just listen : discover the secret to getting through to absolutely anyone" - der Beitrag
    ist auszugsweise wiedergegeben als Kolumne in der Huffington Post: However if you live with someone with
    Asperger like features it's a little more complicated. For instance even though you may feel how they treat you is
    meant personally, if what they do is not meant personally, it's not right for you to take it personally. That means
    it is neither fair nor reasonable to treat someone who is just not sensitive (i.e. they are not doing it intentionally)
    as if they were someone who is insensitive (i.e. they are intentionally not sensitive).



  • Verbale und non-verbale Ebene sowie Aspekte der Sprache

    Friedemann Schulz von Thun entwickelte als Kommunikationspsychologe das Vier-Seiten-Modell. Jede Nach-
    richt verfügt über einen Sachinhalt, einen Beziehungsaspekt, eine Selbstoffenbarung und einen Appell.
    Während der Sachinhalt durch auf der semantisch ausgedrückten Ebene, gesprochen oder geschrieben, über-
    mittelt wird, werden Selbstoffenbarung, Appell und ganz besonders der Beziehungsaspekt auf der nicht-
    semantisch ausgedrückten Ebene übermittelt. Kommunikationsprobleme entstehend, wenn Sender und Emp-
    fänger auf der anderen Seite einer Nachricht diese vier Aspekte unterschiedlich gewichten. Oder aber: Sie
    kaum bis gar nicht verstehen bzw. selbst verwenden.

    Eine der Schwierigkeiten, die Menschen mit Autismus häufig haben, ist die zwischenmenschliche Kommu-
    nikation auf allen Ebenen ausser der rein sachlichen bzw. wortwörtlichen Ebene. Häufig haben Worte, Rede-
    wendungen o. ä. mehrschichtige Bedeutungen. Neuro-typische Menschen, also solche ohne Autismus,
    verstehen diese mehreren Ebenen intuitiv, aus dem Bauch heraus. Menschen mit Autismus müssen hier
    fast immer eine intellektuelle Leistung vollbringen, um die verschiedenen Schichten einer Aussage zu ent-
    wirren.
    Dies schreibt der Blogger Marco Zehe im Beitrag "Kommunikation mit Aspies leichter gemacht" auf
    seinem Blog "Marco Zehe ganz untechnisch". Andere drücken das etwas einfacher aus. Dass autistische
    Menschen Schwierigkeiten haben, Ironie und Sarkasmus zu verstehen (ja, das ist so, aber oftmals können sie
    selbst äusserst sarkastisch sein). Diese sprachlichen Eigenarten bestehen bei Autisten aber nicht nur als
    Empfänger in einer Kommunikation sondern auch als Sender. Marco Zehe fährt in seinem Blogbeitrag fort:
    Der Mensch mit Autismus sendet eine verbale Botschaft, die genauso gemeint ist wie sie gesagt wird. Das
    ist in nahezu 100% der Fälle anzunehmen. Denn sich vorzustellen, auf welche Weise eine Aussage viel-
    leicht interpretiert werden könnte, ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Das neuro-typische Gegenüber
    interpretiert dann eine solche Aussage doch, entweder aus Unwissenheit, aus Reflex (weil man das ja so in
    Gesprächen macht), und schon ist ein Missverständnis da, denn die Botschaft ist beim Empfänger anders
    angekommen als der Absender sie gemeint hat, und der Absender versteht wiederum nicht, auf welche
    Weise seine Aussage interpretiert wurde, weil es doch so viele Möglichkeiten gibt.

    Vieles von Autisten Ausgesprochene oder Geschriebene, das neurotypische Menschen als unverschämt wahr-
    nehmen, liegt meist noch nicht einmal auf der semantisch ausgedrückten Ebene, sondern wird auf der nicht-
    semantisch ausgedrückten Ebene im Beziehungsaspekt hineininterpretiert. Dieser wird von Autisten jedoch
    ebenfalls vorwiegend semantisch ausgedrückt.

    Der Blogbeitrag fährt fort: Meine Empfehlung: Wenn Sie als neuro-typischer Mensch mit einem Menschen
    mit Autismus kommunizieren, egal welches Geschlecht dieser Mensch hat, gehen Sie davon aus, dass Ihr
    Gegenüber auf der sachlich-analytischen Ebene mit Ihnen spricht und nicht in irgendwelchen doppelt und
    dreifach transferierten Ebenen. Ihr Interpretationsversuch wäre in jedem Fall zum Scheitern verurteilt, denn
    die tatsächlich gemeinte Bedeutung wurde Ihnen durch den Absender schon direkt geliefert, ohne Schnör-
    kel, ohne doppelten Briefumschlag. Umgekehrt gilt: Sprechen Sie direkt, lassen Sie im Zweifel auch jede
    Diplomatie aus dem Spiel und erwarten Sie nicht, dass Ihre Botschaft vom Gegenüber erst aus zwei oder
    drei Briefumschlägen herausgefischt wird, die alle mit unterschiedlichen Aufklebern für die Ebenen verse-
    hen sind, die Sie gemeint haben könnten. Das Gegenüber wird, je nachdem wie gut Sie sich kennen und
    Ihr Gegenüber gelernt hat, Sie zu lesen, Ihr Wort mehr oder weniger häufig für bahre Münze nehmen.



  • Verringerter Blickkontakt

    Womit haben erwachsene Autisten zu kämpfen?
    Eines der gängigsten Missverständnisse ist, dass Autisten als uninteressiert oder unhöflich wahrgenommen
    werden, etwa weil sie ihrem Gegenüber im Gespräch nicht in die Augen schauen. Wenn man einem Nicht-
    Autisten aber erklärt, dass ein Autist den Blickkontakt meidet, um von den Gesichtsbewegungen des Gegen-
    übers nicht abgelenkt zu werden, damit er dem Gespräch überhaupt folgen kann, sorgt man für Verständnis
    und beugt Fehldeutungen vor. Menschen mit autistischer Wahrnehmung brauchen auch häufig mehr Zeit
    zum Antworten. Was wie eine Sendepause wirkt, ist oft ein Zeichen von angestrengtem Nachdenken.

    Dies erklärt in der Schweizer Zeitschrift "Beobachter" der in Bern lebende Asperger-Autist und Psychologe
    Matthias Huber.

    Nachgewiesen ist, dass viele Autisten statt auf die Augen auf den Mund des Gegenübers schauen. Oder auch
    auf das Ohr. Ebenso kann ein autistischer Mensch den Blick ganz abwenden, dafür jedoch seinem sprechen-
    den Gegenüber das eigene Ohr zuwenden. Es kann sogar vorkommen, dass ein Autist einen anderen Mensch-
    en geradezu anstarrt, trotzdem kann er im Blickkontakt nichts erkennen (Mind-blindness). All das ist im
    Regelfall nicht verletzend gemeint.

    Die Dauer des Blickkontaktes bei Autisten kann von gar nicht bis kaum merkbar reduziert gehen. Ein reduzier-
    ter Blickkontakt wird von nichtautistischen Menschen als Unhöflichkeit wahrgenommen. Unter Umständen,
    wenn der Autist selbst der Sprecher ist, wird dies sogar als Anzeichen einer Falschaussage, einer Lüge ange-
    sehen. Wobei auch hier gilt, dass im Regelfall nichts davon in der Intention des Autisten liegt, sondern einfach
    nur durch das neurotypische Gegenüber die Körpersprache fehlinterpretiert wird. Gerade im beruflichen Um-
    feld kann es daher fatale Auswirkungen haben, wenn neurotypische Menschen sich in Managementmagazinen
    durch deren küchenpsychologische Allgemeinplätze 'geschult' haben und dies zur Anwendung kommt.


  • Rituale, Routinen, Ordnungen, Regeln und Zwänge

    Im schwedischen Film "Im Weltraum gibt es keine Gefühle" wird ein junger Asperger-Autist dargestellt, dessen
    Rituale und Routinen eines der markantesten Merkmale darstellen. Nein, ich muss nicht tagtäglich zu einer be-
    stimmten Uhrzeit an einer bestimmten Stelle sein. Ich muss auch nicht an einem bestimmten Wochentag ein
    bestimmtes Gericht essen. Letzteres tue ich jedoch gerne, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Es zeigt sich
    jedoch weniger als Zwang, mehr als eine Gewohnheit, die sich einschleift und nach Möglichkeit so bleibt. Ein
    weiteres Beispiel ist der Stammplatz, den man nach Möglichkeit in den öffentlichen Verkehrsmittel einnimmt.
    Es gibt bei mir Gegenstände, die ihren festen Platz haben und diesen auch behalten sollen: Mein Kugel-
    schreiber und mein Druckbleistift in der Brusttasche des Hemdes und mein Schlüsselbund in der rechten
    Hosentasche. Ich kann für mich selbst diese kleinen Anzeichen durchbrechen, tue es jedoch ungern, da sie
    mir Sicherheit bieten. Autisten funktionieren mit diesen Routinen und Ritualen einfach besser.

    Peter Schmidt zum Beispiel ordnet sein Obst im Büro penibel an und wird wütend, wenn jemand diese Ord-
    nung zerstört.
    So heisst es im Beitrag "Asperger-Syndrom : ein Autist in der Arbeitswelt" in der "FAZ" über
    den promovierten Geophysiker Dr. Peter Schmidt. Das kann auch bei mir vorkommen. Es macht jedoch einen
    riesigen Unterschied, ob ein Autist auch mal seine eigenen Routinen, Rituale und Ordnungen durchbrechen
    kann, oder ob dies durch einen anderen Menschen geschieht.

    Autisten sind zudem sehr auf Regeln fixiert, solange Regeln sich ihnen logisch erklären und nichts dagegen
    steht. Ich kenne es von mir als Autofahrer, dass ich bei einer Fahrt durch eine geschlossene Ortschaft sehr
    genau darauf achte, dass die Tachonadel nicht über 50 km/h wandert. Oft mache ich dann die Beobachtung,
    dass sich die Anzahl der hinter mir befindlichen Fahrzeuge erhöht. Alles neurotypische Menschen als Auto-
    fahrer, für die 50 km/h eine oftmals sehr relative Grenze zu sein scheint. Und: Da ich mich auch als Fussgänger
    als Verkehrsteilnehmer betrachte, halte ich mich als solcher üblicherweise auch rechts und erwarte von mir ent-
    gegenkommenden Passanten, dass sie sich ebenso auf ihrer rechten Seite bewegen. Das funktioniert leider
    nicht immer. Aus Internet-Foren für Asperger-Autisten weiss ich, dass ich bezüglich dieses Verhaltens kein
    Einzelfall bin.

    Das sehr genaue Verständnis von gesprochener Sprache führt zusammen mit der Mind-Blindness zu einer
    weiteren autismustypischen Erscheinung, diejenige Mitmenschen zu korrigieren. So wie Autisten penibel hin-
    sichtlich Regeln sind, sind sie es teilweise auch hinsichtlich den Regeln der Sprache.
    Kinder im Alter von etwa acht Jahren können sich Kommentare und Kritik verkneifen, indem sie sich die emo-
    tionale Reaktion des Gegenübers vorstellen. Sie behalten also ihre Gedanken für sich, um ihren Freund nicht
    in Verlegenheit zu bringen. Die Person mit Asperger-Syndrom dagegen kann sehr geschickt darin sein, Fehler
    bei anderen zu entdecken und mitunter liegt ihr auch viel daran, diese Fehler auszusprechen. Diese Kommen-
    tare können dann leicht kritisch und feindselig aufgefasst werden. Die Motivation war aber meist, dem anderen
    zu ermöglichen, sich zu verbessern und ihn über einen Fehler aufzuklären. Ich habe Teenager mit Asperger-
    Syndrom beobachtet, wie sie ihre Lehrer vor der versammelten Klasse kritisiert haben. Der Fehler des Lehrers
    kann dabei sehr banal sein, etwa ein kleiner Versprecher, doch ist für das Kind mit Asperger-Syndrom sein
    Wunsch, einen Fehler zu korrigieren, wichtiger, als auf die Gefühle des Lehrers Rücksicht zu nehmen.
    So durch
    Tony Attwood in der Übersetzung seines Buches "The complete guide to Asperger's Syndrome" ("Ein ganzes
    Leben mit dem Asperger-Syndrom").
    Dabei bezieht es sich weniger darauf, dass irgendwo ein Komma fehlt oder eines zuviel existiert. Es geht mehr
    um falsche Begriffe. Es hat mich jedesmal geschmerzt, wenn Kollegen von der RVK-Signatur gesprochen
    haben, auch wenn es dabei ganz klar um die RVK-Notation ging. Oder wenn es hiess, dass als Regelwerk zur
    Beschlagwortung
    die Schlagwortnormdatei verwendet wird. In diesen Fällen hat es enorm Kraft gekostet, mich
    zurückzuhalten, es stattdessen in mich hineinzufressen, auch wenn es in mir danach drängte, die Korrektur aus-
    zusprechen. In anderen Fällen ging das dann nicht mehr...


  • Exekutive Dysfunktion

    Executive functioning is a very complex topic. And it is a function of the mind and brain that actually isn't
    very well understood yet. So it can be hard to explain. [...]
    Some of those [examples of the processes or things that executive funtioning affects in everyday life] are:
    planing, working memory,attention, problem solving, verbal reasoning, inhibition, cognitive flexibility,
    initiaton of actions. So what this all means is that executive funtioning affects a person's ability to identify
    a task, or problems, to organize and prioritise, to brake apart a task into smaler steps, to stay on task and
    focus through the steps, to complete a task. And also effects the ability to call on working memory and
    possibly the most frustrating part of all, is that executive functioning actually affects the person's ability
    to self-monitor so it can be hard for a person with executive dysfunction to even figure out what is going
    wrong. [...]
    From the outside, or to people who don't know about executive dysfunction, executive functioning issues
    can, and are often interpreted as laziness or being defiant or having a poor work ethic when really it's not
    the case at all. Procrastination and executive dysfunctioning are two totaly differnet things.

    Erklärt die Kanadierin Amythest Schaber in ihrem Video "Ask an Autistic - What is Executive Functioning?"
    auf ihrem YouTube-Kanal.

    Ein weiterer Aspekt ist: Exekutive Dysfunktion beschreibt im weitesten Sinne Probleme damit, Dinge zu
    tun. Das klingt sehr allgemein – und ist es auch. Der Begriff ist relativ unbekannt, was dazu führt, dass die-
    jenigen von uns, die Exekutive Dysfunktion haben, oft selbst nicht wissen, was das Problem ist.
    So Lian im
    Beitrag "Exekutive Dysfunktion oder: Warum kriege ich nichts hin?" auf "Neuroqueer".
    Wenn einen Autisten etwas an seinem Autismus stören sollte, dann sind es wahrscheinlich Probleme mit den
    Exekutivfunktionen. Das eigene Gefühl, etwas tun zu wollen, aber es irgendwie nicht zu können, ist an sich er-
    niedrigend genug. Es muss einem Autisten dann nicht auch noch zusätzlich zum Vorwurf gemacht werden,
    dass er Schwierigkeiten hat.

    Faktoren von aussen können massiven Schaden bei den Exekutivfunktionen anrichten. Danny Raede erklärt
    im Video "The missing link to motivate someone with Aspergers" den "Sensory Funnel" - zuunterst die sen-
    sorische Wahrnehmung und Exekutivfunktionen zuoberst. Ganz oben hängt von ganz unten ab. Er sagt dazu:
    The root of Aspergers is that we are overwhelmed an scared. It is not that we don't want to be motivated, it's
    not that we don't want to get out in the world, it's not that we don't want to make friends. It's that we are scared
    and terrfied of how we feel when we try and do those things and how the world is. Really the world is dramatic
    to us. So we sit in our room and play videogames because that is what we can control. The core of Asper-
    gers is the sensory issues. [...]
    If you try and teach someone with Aspergers to be social and have organization skills, when they are still
    shut down and in defense mode it's just not gonna work or it's gonna take ten years to get any results. If you
    get them out of defense mode first and you make them feel safe, you'll see results in weeks and months in-
    stead of decades.


    Alles, was die sensorische Wahrnehmung negativ beeinträchtigt, beeinträchtigt auch die Exekutivfunktionen.
    Kurz: Je mehr Druck auf einen Autisten ausgeübt wird, desto schlimmer wird es. Eleminiert man hingegen die
    negativen Faktoren und bietet die Möglichkeit zur Regeneration, wird man so, aber auch nur so, den Grund-
    stock zu einer Normalisierung der Verhältnisse legen.

    Allerdings: Ein wenig Druck - "Passive Dominanz" genannt - im Sinne von Orientierung und Struktur vorgeben,
    ist richtig bei Asperger-Autisten. Solange dies tatsächlich gutmütig ist und die fragile Grenze nicht überschreitet,
    kann es auch helfen, Schwierigkeiten bei den Exekutivfunktionen zu überwinden.


  • Spezialinteressen

    Durch das "Rain Man"-Klischee, aus dem entsprechenden Film, hält sich hartnäckig das Bild des autistischen
    Zahlengenies, des Savant. Eine solche aussergewönliche Inselbegabung liegt jedoch bei nur wenigen
    Autisten als Komorbidität vor.

    Die meisten Asperger-Autisten haben jedoch Spezialinteressen, Fachgebiete, auf denen sie mitunter auch
    exzeptionelle Leistungen vollbringen können. Aufgaben, die mit einem Spezialinteresse zusammenhängen,
    lassen sich für Autisten leichter bewätigen, vereinzelt können dabei sogar Probleme mit den Exekutiv-
    funktionen wie weggeblasen sein.

    Sabine Kiefner hat sich im Beitrag "Autismus – und welche Inselbegabung haben Sie?" auf ihrem Blog aus-
    giebig mit dem Unterschied aber auch der Verwechslung von Inselbegabung und Spezialinteresse beschäftigt.


  • Motorische Koordinationsschwierigkeiten

    Viele Asperger-Autisten kennen das Gefühl, sie hätten irgendwie zwei linke Hände. Oder auch zwei linke
    Füsse. Später als im Durchschnitt gleichaltrige neurotypische Kinder das Stehen und Gehen auf den eigenen
    zwei Beinen zu lernen, ist nicht untypisch für autistische Kinder (bei mir im Alter von 2 Jahren). Auch das Fahr-
    radfahren wird oftmals deutlich später (bei mir mit 7 Jahren) oder teilweise gar nicht erlernt.

    Emma Lexa alias Melanie Alexa Thrandorf widmet in ihrem Blog "Asperger(lebensherbst)gedanken" einen
    Beitrag der Thematik. Sie fragt: "Na, wo hängt´s denn?" und berichtet "Über Ecken, Kanten, Türklinken und
    Co. und das Leid mit der “motorischen Legasthenie”" und damit über diesbezügliche Schwierigkeiten im
    Erwachsenenalter.


  • Overload - Shutdown - Meltdown

    Mir fällt es immer wieder auf, dass in Beschreibungen über das Verhalten autistischer Kinder von “Wutaus-
    brüchen” oder auch “Trotzanfällen” die Rede ist. Ich finde diese Wortwahl fatal. Bei einem Meltdown, also
    dem totalen Zusammenbruch durch fortwährende Reizüberflutung und Überlastung, kann es zwar auch zu
    selbst- und fremdaggressivem Verhalten kommen, es hat aber mit Wut oder Trotz überhaupt nichts zu tun.
    Ein autistischer Meltdown ist etwas völlig anderes. Im Gegensatz zu normalen Wut- oder Trotzanfällen kann
    das Kind sein Verhalten in einem Meltdown nicht steuern. Es kann ihn auch nicht zielgerichtet einsetzen,
    um seinen Willen durchzusetzen.
    So unter "Bitte sagt nicht “Wutausbruch”" im Blog "Butterblumenland".

    Das trifft natürlich nicht nur auf Autisten im Kindesalter zu, auch auf Erwachsene. Wie bei der Bloggerin
    Maedel im Bericht "Praktikum bei Auticon (dritte Woche)" auf ihrem Blog "Innerwelt" ganz anschaulich:
    “Alles OK bei dir?” fragt noch eine Kollegin und ich bedeute, dass ich jetzt am liebsten den ganzen Krempel
    nehmen würde und ihn zum Fenster rausschmeissen möchte. Erschrocken schaut sie mich an und be-
    deutet mir eine Pause zu machen. Aber es war schon zu spät. Mit aller Kraft wehrte ich mich gegen den
    Impuls herumzuwüten und zu schreien. Nochmal an der Stelle. Ich werde in solchen Fällen nie handgreif-
    lich, ausser man versucht mich festzuhalten. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und spannte alle Muskeln
    im Körper an. Zum Glück ist das Büro in dem wir sitzen recht ruhig und nicht allzu hell. Ich glaube, sonst
    wäre ich da rausgestürmt. Stattdessen rutschte ich unruhig am Tisch hin und her. Schob mich ein paar mal
    etwas unsanft vom Tisch weg und ein- oder zweimal knallte ich mit der Faust auf den Tisch.

    Erwachsene scheinen, so wirkt es auch bei mir selbst, im Vergleich zu Kindern bei Meltdowns eine eiserne
    Disziplin zu haben und trotz aller Schwierigkeiten der Situation zu versuchen, wenigstens ein Stück weit zu
    funktionieren, auch wenn es kaum mehr möglich ist.

    Mit jenem Komplex allgemein hat sich Maedel schon früher in ihrem Beitrag "Overload, Melt- und Shutdown"
    beschäftigt. Aufgeklärt wird auch auf "Ellas Blog" im Beitrag "Overload / Meltdown / Shutdown – was ist das?",
    sowie unter "Overload / Meltdown / Shutdown" auf "Asperger, der unsichtbare Autismus".

    Auch wenn Overloads eine recht regelmässige Erscheinung sind, muss nicht zwangsläufig aus jedem Over-
    load ein Meltdown und/oder Shutdown resultieren. Overloads können sich auch - entsprechende vermindernde
    Einflüsse vorausgesetzt - wieder abbauen.


  • Und was noch?

    Viele Autisten haben das Problem, dass das Telefonieren sie sehr anstrengt und grosser Überforderung
    aussetzt. Schlechte Verbindungsqualität, die Ungewissheit, wann der Gesprächspartner fertig mit dem reden
    ist, die Tonlage als einzigen Hinweis darauf, wie eine Aussage gemeint war sind dabei einige der Probleme,
    die das Telefonieren für Autisten sehr erschweren.
    So heisst es im Beitrag "Barrierefreiheit und Autismus" des
    Blogs "Realitätsfilter".

    Der Umstand, dass ich zwar im tiefsten Oberschwaben geboren bin, es mich jedoch mit 12 Jahren in die Nähe
    von Bremen verschlagen hat, verschleiert ein markantes Merkmal, das nicht zwingend allgemein bei Autisten
    aber bei mir auftritt: Ich habe, als ich Sprechen gelernt habe, sogleich angefangen Schriftdeutsch zu sprechen.
    Den heimischen oder einen anderen Dialekt konnte ich nie sprechen, abgesehen davon, dass sich etwas
    leicht eingeschliffen hat.

    Da der autistische Mensch eben immer autistisch und nicht neurotypisch ist, zeigen sich die Merkmale des
    Autismus auch in kleinsten Bereichen des alltäglichen Lebens, wenn auch möglicherweise subtil. Sei es im
    Bereich der Nahrungsaufnahme, wo der autistische Mensch ungewöhnliche Vorlieben zeigen kann - ich habe
    einmal etwas von "Kiwi-Joghurt mit Salamistücken" gelesen, häufiger kommt es jedoch vor, dass ein Autist
    bestimmte Lebensmittel gänzlich verschmäht - aber auch in solchen intimen Bereichen, die der Blogbeitrag
    "Autism and Orgasm" auf "Thinking person's guide to autism" thematisiert.


    Prosopagnosie (Gesichtsblindheit), Tics, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (AD(H)S), sogar
    Epilepsie können häufig, jedoch ebenso individuell als Komorbidität bei Autismus auftreten. Komorbiditäten
    sind zwar keine Kernmerkmale des Autismus, können jedoch - wie bei mir die Tics (ICD F95.1) - autismus-
    spezifische Ausprägungen haben.


    Aber, diese Merkmale des Autismus sind auch in ihrer individuellen Ausprägung nicht immer gleich!

    Es kann auch das passieren, was im umfangreichen Beitrag "Help! I Seem to be Getting More Autistic!" ein-
    leitend beschrieben ist: Every so often, someone says, with perplexity, "I seem to be getting more autistic.
    I don't know why, and I know that doesn't sound possible, but it seems to be happening."
    Es folgen eine
    ganze Reihe von Umständen, die eine mehr oder weniger massive Beeinflussung ausüben.
    Tritt also eine Regression auf, müssen genau die Umstände analysiert werden, die dazu geführt haben. Hilf-
    reich kann dabei sein, dass gerade Asperger-Autisten meist über gute analytische Fähigkeiten verfügen.



    Wie wird Autismus diagnostiziert?

    Inzwischen wird eine Autismus-Spektrum-Störung meist schon im Kindesalter diagnostiziert. Damit können
    schon recht früh im Leben Hilfen ermöglicht werden, wie beispielsweise Nachteilsausgleiche in den Schulen.
    Auch existieren verschiedene unterstützende Therapie-Angebote wie z.B. TEACCH oder Floortime, sofern sie
    notwendig sind. Leider gibt es auch so obskure Therapien wie Applied Behavior Analysis (ABA) oder Kindern
    werden Einläufe aus ätzender Chlorbleiche mit dem Handelsnamen Miracle Mineral Supplement (MMS) verab-
    reicht - die Scharlatanerie kennt bedauerlicherweise keine Grenzen und richtet enormen Schaden an.

    In der Erwachsenendiagnostik hinkt der deutschsprachige Raum den angelsächsischen Ländern hinterher. So
    stammen denn die wichtigsten Tests für die Diagnostik auch vom Autism Research Centre an der University
    of Cambridge.

    Sehr gut angepasst funktionierende Asperger-Autisten, die erst spät im Leben die korrekte Diagnose erhalten
    haben - so wie ich nach meinem 40. Lebensjahr, verbunden mit einem massiven Mobbing am Arbeitsplatz -
    sind keine Seltenheit. Dabei existieren oftmals Hinweise aus der Kindheit - bei mir der mehrmalige Vermerk
    einer "Hyperkinesie" - die jedoch entweder bei unkonkreten Ausführungen bleiben oder zu Fehldiagnosen
    führen können. Trotz einer depressiven Phase in der zweiten Hälfte meines Fachhochschulstudiums, mit einer
    Behandlung durch mehrere Fachärzte, wurde die autistische Grundproblematik in jenen Jahren nicht erkannt.
    Die immer noch sehr geringen Kenntnisse über Autismus selbst unter Fachärzten für Psychiatrie erschweren
    es, dass erwachsene Asperger-Autisten mit ihrer teilweise enormen Anpassungsleistung erkannt werden.

    Einzelne Merkmale des Autismus können auch bei anderen psychischen Konditionen ähnlich nach aussen
    wirkend auftreten. So wird bei sehr oberflächlicher Betrachtungsweise eine Autismus-Spektrum-Störung
    leider oft mit der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung verwechselt - zu den oberflächlichen Gemeinsamkeiten
    und den Unterschieden siehe auch den dreiteiligen Blogbeitrag "Aspergers – Narcissism: NOT The Same".

    In einer einigermassen seriös durchgeführten Diagnostik werden eine ganze Reihe an Differentialdiagnosen ab-
    geklärt, bis es dann am Ende so wie bei mir vorsichtig heissen kann:
    Im Vordergrund der Symptomatik stehen eine Einschränkung der sozialen Kompetenz, ein Mangel an Einfühlungs-
    vermögen und eine Minderung der Frustrationstoteranz. Demgegenüber stehen ein grundsätzlich hilfsbereites
    Wesen, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und eine gründliche Arbeitsweise. Zusammenfassend ist davon auszugehen,
    dass ein Grossteil der feststellbaren Verhaltensauffälligkeiten einer Störung aus dem Autismusspektrum-Bereich
    zuzuordnen ist.




    Die besonders positiv ausgeprägten Seiten bei autistischen Menschen

    Pejoratively, clinicians describe the deep, narrow interests in autism as “obsessions”, but a more positive
    description might be “areas of expertise”. Sometimes the area of expertise a person with autism focuses
    on appears not to be very useful (e.g., geometric shapes, or the texture of different woods). Sometimes the
    area of expertise is slightly more useful, though of limited interest to others (e.g., train timetables, or flags
    of the world). But sometimes the area of expertise can make a real social contribution (such as fixing
    machines, or solving mathematical problems, or debugging computer software).
    It is not that the neurotypical brain or the autistic brain is more evolved than the other: each has evolved
    differently, one to empathize and master the social climate, the other to systemize successfully so as to
    master the physical niche. The unique qualities of human intelligence are characterized not just by the
    capacity for mind-reading (and deception), which has enabled humans to work in coordinated activity un-
    usually well, but also by the capacity to systemize, which has enabled humans to understand how things
    work, and to develop innovative technology par excellence. People with autism, who can perceive patterns
    better and concentrate better than their peers, are also more honest. Rather than regarding autism as a
    “disease,” we should recognize it as a difference that deserves our respect. Some features of it, like a
    learning or language disability, may benefit from treatment. But other features, like remarkable attention to
    detail and utmost honesty, are valuable human qualities.
    So schreibt Simon Baron-Cohen im Beitrag
    "I cannot tell a lie - what people with autism can tell us about honesty".

    Die deutlich verringerte Fähigkeit zum Lügen und ein extrem ausgeprägter Gerechtigkeitssinn sind eigentlich
    die markantesten positiven Merkmale. Wer diese von ihrer negativen Kehrseite zu spüren bekommt, sind
    vorwiegend neurotypische Menschen, die von sich ausgehend deutlich subversiv vorgegangen sind.

    Es existiert sogar eine Liste über "50 positive Charaktereigenschaften von Menschen mit Asperger-Syndrom".

    Autistische Menschen können non-verbale Kommunikationssignale im Vergleich zu der Majorität der neuro-
    typischen Menschen schwerer oder gar nicht wahrnehmen. Allerdings sind Autisten seit ihrer Kindheit damit
    konfrontiert, dass ihre nichtautistischen Mitmenschen diese Signale aussehen und ihrerseits erwarten, dass
    sie verstanden werden. Gerade die normal- bis hochintelligenten Asperger-Autisten zeigen sich als Meister
    der Kompensation, indem sie zwangsweise lernen mussten, anstelle des intuitiven Erkennens dieser Signale
    sich diese analytisch zu erschliessen. Die Folge ist: "Autisten haben hohes analytisches Denkvermögen",
    wie eine Mitarbeiterin des Softwarekonzerns SAP in einem Radio-Interview sagt.

    So wie der Softwarekonzern SAP machen sich auf die Beschäftigung von Asperger-Autisten spezialisierte
    Firmen diese Vorteile zu Nutzen - wenn auch leider immer noch fast ausschliesslich in der IT-Branche:
    Auticon, Specialisterne, Asperger AG. Einige andere Anbieter konzentrieren sich auf das Job-Coaching:
    Asperger's in the workplace, Autismuslink.

    Hohes analytisches Denkvermögen, Orientierung auf Details, Ausdauer, Sorgfalt. Alles das zeichnet Asperger-
    Autisten im Arbeitsalltag aus und wiegt die möglichen Schwierigkeiten auf:



    Diese positiven Aspekte sind ebenso Merkmale des Autismus und lassen sich nur sehr schwer unterdrücken.
    Dagegen agieren zu müssen, bedeutet für einen Autisten, gegen seine Natur ankämpfen zu müssen. Ein autis-
    tischer Mitarbeiter in einer Bibliothek nimmt nunmal die Details in der Datenqualität bei google-Digitalisaten
    wahr und erkennt Muster bzgl. eines falschen MARC-Ländercodes in Fremddaten der DNB.

    Die mitunter aussergewöhnliche Arbeitsleistung kann von Asperger-Autisten natürlich nur erbracht werden,
    wenn negative äussere Umstände sich nicht als hinderlich auswirken.



    Sind Menschen mit Asperger-Syndrom gefährlich? Oder sind sie nicht eher gefährdet?

    Autisten sind gefährliche Amokläufer, was sich in den USA immer wieder zeigt? Empfehlenswert dazu ist der
    Beitrag "The myth of the ‘Autistic shooter’" in der "New York Times":
    The wish to hurt others is tied not to autism but to psychopathy, which manifests in a deficiency or absence
    of empathy and remorse. Some autistic people may not recognize why they cause distress; psychopaths
    don’t care that they cause distress. Autistic people may see the world from a singular, personal perspective;
    psychopaths are often cunning manipulators who act according to perceived self-interest without regard for
    the destruction they cause. [...]
    The biggest challenge in cases where autism and psychopathy exist simultaneously is that the former is
    usually diagnosed and the latter is not, and parents who have received a diagnosis for their child tend to
    assign everything to autism.

    Wobei Narzissmus oder Psychopathie keine typischen Komorbiditäten bei Autismus sind.

    Autisten sind weitaus mehr gefährdert, als dass sie gefährlich sind. Nämlich dann, wenn die Merkmale des
    Autismus versehentlich falsch interpretiert oder gar absichtlich gegen sie instrumentalisiert werden:
  • Die Mind-blindness, die oftmals als Naivität erscheint, wird ausgenutzt.
  • Die ehrliche Direktheit, wenn sie verletzend wahrgenommen wird, wird als bewusste Arglist gesehen.
  • Probleme bei den Exekutivfunktionen gelten als Faulheit.
  • Ein Meltdown wird als bewusster Wutanfall gewertet.

    Generell gilt jedoch auf jeden Fall, dass das autistische Verhalten, auch wenn es sich mitunter erheblich vom
    neurotypischen Verhalten unterscheidet, leichter vorhersehbar als letzteres ist. Die Schwierigkeit besteht für
    den neurotypischen Menschen darin, sich auf den autistischen Menschen einzulassen und sein Verhalten mit
    der Schablone "autistisch" zu beurteilen. Das ist jedoch vor allem eine Frage der Einstellung und des Charak-
    ters. Da es um die Merkmale einer anerkannten seelischen / psychischen Behinderung geht, handelt es sich
    bei deren Fehlinterpretation letztendlich um eine Behindertendiskriminierung. Diese Diskriminierung kann ver-
    sehentlich aus Unachtsamkeit geschehen, sie kann die Folge einer Gleichgütigkeit sein, sie kann aber auch
    bewusst geschehen. Behindertendiskriminierung ist jedoch auch heute leider für viele Menschen immer noch
    nicht mehr als ein Kavaliersdelikt.



    Wie kann sich ein Arbeitgeber über Autismus informieren?

    Es gibt viele Blogs, in denen Menschen im Autismus-Spektrum vereinzelt auch auf Situationen am Arbeitsplatz
    zu sprechen kommen. Es gibt viele (Auto)Biographien von Autisten, in denen es auch um deren persönliches
    Erleben in der Arbeitswelt geht. Es gibt vor allem jedoch inzwischen zwei Bücher, die sich intensiv und aus-
    schliesslich mit der Thematik Autismus und Berufsleben auseinandersetzen und die somit eine wichtige Hilfe
    für Arbeitgeber bzw. Vorgesetzte darstellen.


    Simone, Rudy: Asperger's on the job : must-have advice for people with Asperger's or
    High Functioning Autism and their employers, educators, and advocates / Rudy Simone ;
    [foreword by Temple Grandin]. - Arlington, Texas : Future Horizons, 2010. - 156 S. -
    ISBN 978-1-935274-09-4

    Es existiert auch eine deutsprachige Übersetzung, erschienen 2016 im Autismusverlag St. Gallen, unter dem Titel:
    Asperger im Berufsleben (ISBN 978-3-03852-008-5).


    Blodig, Ina: Hochfunktionale Autisten im Beruf : Navigationshilfen durch die Arbeitswelt /
    Ina Blodig. - Paderborn : Junfermann, 2016. - 192 S. - ISBN 978-3-95571-460-4




    Und wie ist das im Arbeitsalltag in einer Bibliothekt?

    Die Gefährdung, die durch das Missverstehen der autistischen Merkmale und der Gleichgültigkeit ob ihrer
    Herkunft aus dem Autismus entsteht, ist leider sehr real und sie entspricht meinen persönlichen Erfahrungen
    als ehemaliger Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Bern.

    Hier habe ich dies ausführlich dargelegt:

    Als Asperger-Autist an der Universitätsbibliothek Bern

    [Anmerkung: Von diesem Bereicht existiert erst der Anfang]



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